Interview

Pflege-Expertin Silke Niewohner rät: "Entlastungsangebote nutzen und in Balance bleiben"

Silke Niewohner
© Melanie Steckelberg, Eindruckschmiede.de

perspektiven-schaffen.de: Studien zeigen, dass die große Mehrheit der pflegenden Angehörigen es für wichtig hält, trotz Pflegeaufgaben erwerbstätig zu bleiben. Frau Niewohner, Sie sind Expertin für das Thema Beruf und Pflege. Wie kann das Ihrer Erfahrung nach gelingen?

Silke Niewohner: Ich rate Angehörigen, die vor der Entscheidung stehen, eine hilfe- oder pflegebedürftige Person zu unterstützen, sich die Frage zu stellen, aus welchen Motiven heraus sie die Pflegeaufgaben übernehmen möchten. Für viele Frauen und Männer ist es selbstverständlich, sich um ihre Angehörigen zu kümmern. Sie möchten aus Zuneigung oder Liebe etwas geben. Manchmal besteht auch einfach der Wunsch, eine gute (letzte) Zeit miteinander zu verbringen. Aber auch die Ansprüche an sich selbst, der hohe Erwartungsdruck von außen oder finanzielle Aspekte können bei der Entscheidung eine Rolle spielen. Eine Selbstreflexion kann helfen, ein Gefühl für die eigene Leistungsfähigkeit, aber auch für die eigenen Grenzen zu entwickeln.

Wer die Pflege mit der Erwerbstätigkeit vereinbaren möchte, braucht neben passenden Unterstützungsangeboten eine gute Organisation und ein effektives Zeitmanagement. Gerade Frauen neigen dazu, den Ehrgeiz zu haben, alles alleine schaffen zu wollen. Im Alltag merken sie, dass das nicht immer klappt. Ist es zum Beispiel wirklich notwendig, neben der eigenen Erwerbstätigkeit und dem eigenen Haushalt auch noch die Räumlichkeiten der oder des zu pflegenden Angehörigen zu putzen? Hier kann es hilfreich sein, sich zu informieren, ob im Rahmen von Leistungen der Pflegeversicherung eine Entlastung möglich ist. Pflegebedürftige haben einen Anspruch auf eine individuelle Pflegeberatung. Auf Wunsch des beziehungsweise der zu Pflegenden erfolgt die Pflegeberatung auch gegenüber ihren Angehörigen oder weiteren Personen oder unter deren Einbeziehung.

Wenn es nun um die konkrete Ausgestaltung der Pflegesituation geht, empfehle ich das Modell „Familienkonferenz“. Meine Erfahrung zeigt, viele trauen sich nicht, das Thema Pflege aktiv in der Familie anzusprechen, so dass nicht kommunizierte gegenseitige Erwartungshaltungen leicht zu Missverständnissen führen. Die aktive Auseinandersetzung ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf gelingen kann. In einer Familienkonferenz sollten alle Beteiligten, die von der Pflegesituation betroffen sind, zusammenkommen, um anstehende Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen. Es sollte nicht unbedingt diejenige Person die meisten Aufgaben übernehmen müssen, die in Teilzeit arbeitet oder am wenigsten Geld verdient. Die Vereinbarungen sind idealerweise zeitlich auf einige Monate begrenzt, so dass bei Bedarf die Aufgaben neu vergeben werden können.

Für den Fall, dass es aufgrund von Spannungen in der Familie nicht möglich ist, diese oft weitreichenden Entscheidungen selbst auszuhandeln, kann es hilfreich sein, eine fachkundige Person hinzuzuziehen. Die für die Prävention pflegender Angehöriger zuständige Unfallkasse Nordrhein-Westfalen hat diesen Unterstützungsbedarf erkannt und schult Pflegefachkräfte darin, Gespräche in Familien zu moderieren, um konfliktreiche Situationen gemeinsam mit allen Beteiligten zu lösen. 

perspektiven-schaffen.de: Teilweise entscheiden sich Beschäftigte dafür, eine bis zu sechsmonatige Pflegezeit oder eine bis zu 24-monatige Familienpflegezeit in Anspruch zu nehmen. Was können Angehörige tun, um die Pflege so zu organisieren, dass nach dieser Phase der berufliche Wiedereinstieg gelingt?

Silke Niewohner: Wenn deutlich wird, welche Aufgaben in der Pflegesituation übernommen werden, können Frauen und Männer, die während der Pflegephase erwerbstätig bleiben möchten, mit ihrem Arbeitgeber beziehungsweise ihrer Arbeitgeberin ins Gespräch darüber kommen, welche Vereinbarkeitsmodelle im Rahmen der Pflegezeit, Familienpflegezeit und darüber hinaus im Unternehmen möglich sind.

Die einen nehmen eine Pflegephase in Anspruch, um jemanden, der im Sterben liegt, intensiv zu begleiten. Andere nutzen die Pflege- beziehungsweise Familienpflegezeit dafür, ihre Pläne für die Gestaltung der Pflegesituation umzusetzen. Zum Beispiel beauftragen sie Pflegedienstleister:innen oder Anbieter:innen von Haushaltsnahen Dienstleistungen, organisieren (ehrenamtliche) Besuchsdienste und beziehen das soziale Umfeld des oder der zu Pflegenden wie Freundeskreis und Nachbarschaft mit ein. Ich vergleiche diese Netzwerkarbeit immer mit dem Bau eines Kartenhauses: Ziel ist es, die einzelnen Bausteine so stabil wie möglich zu stapeln, mit dem Bewusstsein, dass es eine wackelige Angelegenheit bleibt. Das Unterstützungsnetzwerk kann auch eine gute Ausgangslage für einen beruflichen Wiedereinstieg bieten.

Wer nach der Pflege eines oder einer Angehörigen wieder in den Beruf zurückkehren oder von einer Teilzeitstelle auf eine Vollzeittätigkeit aufstocken möchte, sollte sich nach den Beanspruchungen in der Pflegephase eine Regeneration gönnen. Denn das Ende der Pflege- oder Familienpflegezeit kann auch mit einem Trauerprozess verbunden sein. Sei es, weil der beziehungsweise die Angehörige verstorben ist, oder weil sich an die häusliche nun eine stationäre Pflege anschließt. Auch diese Veränderungen wollen verarbeitet sein. Unter Umständen besteht die Möglichkeit, eine Kur in Anspruch zu nehmen. Einige Träger halten inzwischen Angebote speziell für die Zielgruppe der pflegenden Angehörigen vor. Dazu ein Hinweis: Die „Dr. med. Heide Paul-Toebelmann Stiftung“ unterstützt bedürftige pflegende Angehörige bei der Regeneration ihrer Kräfte zum Beispiel durch die Finanzierung einer Kur oder Erholungsmaßnahme, sofern die Kassen die Kosten nicht übernehmen.

perspektiven-schaffen.de: Was empfehlen Sie, sollten pflegende Angehörige für sich tun, um nicht aus der Balance zu geraten?

Silke Niewohner: Die Pflege eines oder einer Angehörigen ist oft eine herausfordernde Situation. Pflegende sind häufig physisch sowie psychisch beansprucht. Auch wenn es positive Momente und Erlebnisse gibt, so handelt es sich – insbesondere wenn man ältere Menschen pflegt – meist um eine Phase, in der das Leben zu Ende geht.

Um einer Überlastung vorzubeugen, ist es eine besonders wichtige Herausforderung, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und diese ernst zu nehmen. Es kommt darauf an, sich selbst von Zeit zu Zeit abzugrenzen und nicht die Bedürfnisse der anderen über die eigenen zu stellen. Nur wenn es der pflegenden Person gut geht, kann es auch dem oder der Pflegebedürftigen gut gehen. Oft neigen Menschen in Belastungssituationen dazu, ihre sozialen Kontakte und Hobbies zu vernachlässigen. Aber genau das Gegenteil wäre richtig. Manchmal machen Pflegende die Erfahrung, dass sich die Menschen in ihrem sozialen Umfeld zurückziehen, weil sie nicht mit der Pflegesituation umgehen können. Da hilft es, sich mit anderen Pflegenden auszutauschen. Das kann in einer Selbsthilfegruppe geschehen oder bei dem Besuch eines Pflegekurses. Noch ist es eine Generationenfrage, aber immer mehr Pflegende suchen den Austausch über Facebook und andere soziale Medien. Ich empfehle, sich einer Gruppe anzuschließen, die von einem Fachmann oder einer Fachfrau moderiert wird. Unser Verein „wir pflegen“ bietet digitale Gruppen und Selbsthilfegruppen vor Ort an.  Im Rahmen eines geförderten Projektes wurde die App „in Kontakt“ entwickelt. Die Nutzer:innen der App können sich austauschen und so kostenlos von den Kompetenzen der anderen profitieren sowie ihre im Gegenzug zur Verfügung stellen.

perspektiven-schaffen.de: Obwohl es immer mehr Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige gibt, ist die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege für viele eine Herausforderung. Sie sind für die Organisation „wir pflegen“ aktiv und haben diese im vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eingesetzten unabhängigen Beirat für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf vertreten. Was waren und sind Ihre Anliegen, um die Vereinbarkeit nachhaltig zu verbessern?

Silke Niewohner: Die Bedarfe pflegender Angehöriger fanden bisher im Zusammenhang mit den Neuregelungen zur Pflege kaum Berücksichtigung. Das hat sich jetzt mit den Pflegestärkungsgesetzen geändert. Die eigenen Interessen zu vertreten, erfordert zeitliches Engagement. Wer pflegt, hat diese Zeit häufig nicht. In unserem Verein „wir pflegen“ sind daher auch ehemalige Pflegende aktiv, die ihre Erfahrung einbringen möchten, um die Bedingungen zu verbessern. Wir setzen uns zum Beispiel für ein Vereinbarkeitsbudget ein, damit pflegende Angehörige mehr zeitliche und finanzielle Flexibilität bekommen. Das Vereinbarkeitsbudget würde mehr zeitliche Flexibilität sichern: Der zeitliche Anspruch würde insgesamt 36 Monate betragen, die flexibel genutzt werden können. Denkbar sind sowohl einige längere als auch mehrere kürzere Auszeiten oder Arbeitszeitreduzierungen. Da der Pflegeverlauf meist starken Veränderungen unterliegt, kann so ein passendes Modell für die jeweilige Lebenssituation gefunden werden. Es sollten dabei maximal 12 Monate für Vollfreistellungen zur Verfügung stehen. Darüber hinaus bietet des Vereinbarkeitsbudget finanzielle Entlastung. Wie beim Elterngeld sollte es für 36 Monate einen Lohnersatz von mindestens 65 Prozent des Nettoeinkommens geben. Sofern das Einkommen nicht ausreicht, um Armut zu verhindern, muss eine armutsfeste Mindestsicherung greifen. Dabei gilt: Mehrere Personen können das Vereinbarkeitsbudget nutzen und dies unabhängig von der Betriebsgröße. Alle unsere Forderungen haben wir in einem Positionspapier zusammengestellt. Weiterhin setzten wir uns dafür ein, dass das Pflegeunterstützungsgeld – eine Lohnersatzleistung in Verbindung mit einer kurzfristigen Freistellung von der Arbeit – nicht nur einmal je Pflegefall für maximal zehn Tage gezahlt wird. Angesichts der Tatsache, dass in einer Pflegesituation immer wieder Zeiten für die Umorganisation benötigt werden, wäre es für die pflegenden Angehörigen hilfreicher, wenn die Lohnersatzleistung jedes Jahr für bis zu 20 Tage zur Verfügung stünde.

Wir werben für eine pflegesensible Unternehmenskultur. Da die Pflegesituationen sehr unterschiedlich sind, gibt es keine Pauschallösungen. Ein Teil der Beschäftigten braucht zeitliche Flexibilität, um ihren Pflegeaufgaben gerecht werden zu können. Andere benötigen einen starren Arbeitszeitkorridor, der zum Beispiel mit den Öffnungszeiten einer Tagespflegestelle korrespondiert. Oft haben Betriebe für Mitarbeiter:innen mit Kindern bereits familienfreundliche Maßnahmen eingeführt. Einige davon lassen sich sicher auch an die Bedarfe von Beschäftigten mit Pflegeaufgaben anpassen. Insbesondere können Betriebe für Interessierte Informationen zum Thema Pflege vorhalten. Eine Kultur der Wertschätzung für Sorgearbeit sollte sich auch in den Teams etablieren. Denn oft ist es für erwerbstätige Pflegende zusätzlich belastend, wenn die Kolleginnen und Kollegen ihretwegen Mehrarbeit leisten müssen. Dann sehen sie sich „in der Schuld“ und fühlen sich zusätzlich unter Druck.

perspektiven-schaffen.de: Frau Niewohner, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.