Interview

„Schwerpunkte der Gründungsberatung für Frauen“

Iris Kronenbitter, bga-Regionalverantwortliche Baden-Württemberg, Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus
© bundesweite gründerinnenagentur

perspektiven-schaffen.de: Die bundesweite gründerinnenagentur (bga) berät seit vielen Jahren Frauen, die eine berufliche Selbstständigkeit anstreben. In welchen Punkten unterscheidet sich die Gründungsberatung für Frauen von der allgemeinen Gründungsberatung?

Iris Kronenbitter: Frauen gründen anders. Männer auch. Frauen werden gesellschaftlich viel weniger auf die Rolle als Unternehmerin vorbereitet als Männer und sie sind auch struktureller Diskriminierung ausgesetzt. Die mediale Darstellung der Gründungswelt ist von männlichen Beispielen dominiert. Unternehmerinnen sind weitgehend unsichtbar. Es gelten männlich geprägte Spielregeln. Und es wird mit zweierlei Maß gemessen: So werden Gründerinnen zum Beispiel bei Investmentgesprächen nach den Risiken gefragt und Gründer nach den Chancen.

Aus der Beratungspraxis wissen wir: Frauen sind besser vorbereitet, sie gründen risikobewusster und übersichtlicher, wobei neben der Wirtschaftlichkeit immer auch Wert darauf gelegt wird, dass die jeweilige Form der Erwerbstätigkeit mit der eigenen Lebenssituation vereinbar ist. Das heißt Frauen unterscheiden sich – abgesehen von den Rahmenbedingungen – in ihren Motiven, ihrer Herangehensweise, ihrem Gründungsverhalten und ihren Unternehmensstrategien. Hierauf antwortet die Gründungsberatung für Frauen im Sinne eines Empowerments für Gründerinnen mit einem biografie-ressourcenorientierten Beratungsansatz, zum Beispiel indem wir:

  • Familienmanagerinnen ernst nehmen,
  • Geschäftsideen jenseits des Mainstreams, die in keine gängigen Schubladen passen, auf ihr Innovationspotenzial hin betrachten,
  • Gründungen im Nebenerwerb als ebenso wertvollen Beitrag zur Erneuerung der Wirtschaft sehen wie eine Vollerwerbsgründung,
  • komplexere Lebensmodelle und ihre Verknüpfung mit neuartigen Gründungskonzepten einbeziehen,
  • Wertmaßstäbe und Qualitätsstandards anerkennen, die weniger auf Profitmaximierung denn auf Sinnstiftung beziehungssweise den gesellschaftlichen Nutzen abzielen.

Gründungsberatung für Frauen setzt individuell an, denn jede Gründung ist anders und jede Gründerin steht an einem anderen Punkt im Gründungsprozess. Spezialisiert auf Gründerinnen, Unternehmerinnen, Start-ups von Frauen und Betriebsnachfolgerinnen wurden unter dem Dach der 500 Beratungseinrichtungen zur Erst- und Orientierungsberatung rund 1.300 Expertinnen und Experten für die vertiefte Fachberatung und das Branchen-Knowhow zusammengeführt.

perspektiven-schaffen.de: In welchen Branchen und Geschäftsfeldern sehen Sie aktuell die größten Chancen für Gründerinnen?

Iris Kronenbitter: Gründen ist für Frauen eng mit der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns verbunden. Branchenübergreifend steht das Thema Nachhaltigkeit weit oben auf der Motivationsliste und immer mehr Frauen verfolgen digitale Geschäftsmodelle oder implementieren verstärkt digitale Tools. Das ist gut, denn hier liegen enorme Chancen für die wirtschaftliche Entwicklung. Auch der ländliche Raum braucht Zukunftsmodelle. Gerade im ländlichen Raum spielen Neugründungen, besonders auch aufgrund der Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung bieten, eine wichtige Rolle. Bezogen auf einzelne Branchen gründen Frauen zum Beispiel in den Wachstumsbranchen Gesundheitswirtschaft und Kreativwirtschaft, in der Textil- und Modebranche, in der Biotechnologie und im Medizinbereich wie auch in den Bereichen Bildung und Soziales.

perspektiven-schaffen.de: Wie können Frauen den Schritt in die Existenzgründung angehen? Brauchen sie eine besondere Qualifizierung? Welche Kompetenzen sind zurzeit besonders gefragt?

Iris Kronenbitter: Nachweislich gründet gerade die am besten qualifizierte Frauengeneration aller Zeiten – rein statistisch gesehen, sind sie besser ausgebildet als die Männer. Hier ist es wichtig, die unterschiedlichen Bewertungsmuster für Frauen und Männer in der Gründungsberatung nicht noch zu verdoppeln. Und da Frauen eher dazu neigen sich zu unter- statt zu überschätzen, nehmen sie gerne Fortbildungen und Qualifizierungen in Anspruch, so dass sie ein breit aufgestelltes Portfolio an Fach- und Schlüsselkompetenzen aufweisen. Häufig brauchen sie in der Vorgründungs- und in der Gründungsphase in erster Linie bestätigendes Feedback. Weit schwieriger ist es, sie dabei zu unterstützen, die Widerstände im gesellschaftlichen und privaten Umfeld zu überwinden und dabei den Mut nicht zu verlieren. Es sind daher weniger die Frauen, sondern vielmehr die Gesellschaft und auch die Gründungsökosysteme, die eine andere Perspektive benötigen.

perspektiven-schaffen.de: Welche Rolle spielt nach Ihrer Erfahrung die persönliche Entwicklung, damit man die Vision, die man von sich als Unternehmerin und dem Unternehmen selbst hat, langfristig erfolgreich umsetzen kann?

Iris Kronenbitter: Im Gründungsprozess und im Aufbau des Unternehmens liegt ein wichtiger Entwicklungsweg zur Unternehmerin. Gründerinnen berichten übereinstimmend, dass die Phase einer Unternehmensgründung auch immer eine persönliche Entwicklung umfasst, die als sehr empowernd und bereichernd empfunden wird. Wachstum für die eigene Persönlichkeit, Neugier auf Neues und Verantwortung für die Allgemeinheit prägen ihre Unternehmerinnenrolle und ihre Unternehmen. Als hilfreich werden hier auch immer Vorbilder von erfolgreichen Unternehmerinnen genannt, die Einblicke geben in ihren Arbeitsalltag und deutlich machen, wie vielseitig und aussichtsreich eine selbständige Erwerbstätigkeit sein kann.

perspektiven-schaffen.de: Manchmal möchten Frauen, die nach einer längeren Familienphase beruflich wiedereinsteigen wollen, als Gründerin neu starten. Gibt es hierfür besondere Beratungsangebote der bundesweiten gründerinnenagentur?

Iris Kronenbitter: Die unter dem Dach der bundesweiten gründerinnenagentur zusammengeführten Anlaufstellen und Beratungseinrichtungen, wie zum Beispiel die Gründerinnenzentrale in der WeiberWirtschaft in Berlin oder GründerinnenConsult in Hannover, sind auf Frauen spezialisiert, die sich insbesondere in diesem Lebensabschnitt neu orientieren wollen. So wird je nach Regionsspezifik ein Treffpunkt Gründung vormittags zweiwöchentlich zum Austausch mit anderen Gründerinnen, zur Inspiration und/oder zur Wissensvermittlung angeboten. Vielfach denken Frauen bereits während der Familiengründung über eine Alternative zur abhängigen Beschäftigung in der beruflichen Selbstständigkeit nach. In dieser Lebensphase fehlt den Frauen besonders der Kontakt zu beruflichen Netzwerken. Deshalb sind nach unserer Erfahrung vor allem Netzwerke und Peergroups wichtig, also der Kontakt zu anderen Gründerinnen, von und mit denen frau lernen kann.

perspektiven-schaffen.de: Was bedeuten die Digitalisierung der Arbeitswelt und die aktuelle Diskussion um mehr Nachhaltigkeit speziell für Existenzgründerinnen?

Iris Kronenbitter: Rückenwind, denn Digitalisierung und Nachhaltigkeit spielen eine immer größere Rolle. Die voranschreitenden digitalen Transformationsprozesse wie auch die Implementierung von Nachhaltigkeit bieten große Chancen für Gründerinnen und für die Gesellschaft. Mehr Gründerinnen bedeuten mehr Erfolg in der Transformation. Gründerinnen sind seit langem Trendsetterinnen für nachhaltige Geschäftsmodelle und fokussieren auf deren ökologische, soziale und ökonomische Dimension. Sie fragen häufig nicht nur ‚Wie funktioniert etwas?‘, sondern auch ‚Welchen Nutzen bringt es‘ für die Gesellschaft. Sie nehmen Digitalisierung nicht als Selbstzweck, sondern planen für eine Wirtschaft und Gesellschaft dienende Digitalwirtschaft. Gründerinnen geben wichtige Impulse mit ganzheitlichen Konzepten für wirtschaftliches Handeln und Wertebewusstsein.

perspektiven-schaffen.de: Gibt es Erkenntnisse aus der Corona-Pandemie, die in die Beratungen der bga verstärkt einfließen?

Iris Kronenbitter: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Gründungsgeschehen sind heterogen. Laut KfW-Gründungsmonitor 2021 ging die Zahl der Gründungen durch Frauen weniger stark zurück als die der Männer. Gründungsvorhaben wurden einerseits zurückgestellt oder selbständige Erwerbstätigkeiten modifiziert und auf der anderen Seite gab es einen Digitalisierungsschub mit neuen digitalen Geschäftsmodellen. Viele Gründerinnen haben gezeigt, dass sie gut auf die sich ändernden Bedürfnisse ihrer Kundschaft reagieren können. Trotz der Challenge Vereinbarkeit unter Corona-Pandemie-Bedingungen mit Homeoffice und Homeschooling haben sie neue Geschäftsmodelle entwickelt, bestehende neu ausgerichtet oder digitale Ansätze integriert. So wurden zum Beispiel im Gesundheitsbereich Teletherapien entwickelt und der Kundinnen-/Kunden-Stamm erweitert.
Auch in der Gründerinnenberatung hielt der Digitalisierungsschub Einzug mit allen Vor- und Nachteilen einer fast ausschließlich digitalen Kommunikation. Es wurden unter den gegebenen Bedingungen Lösungsansätze entwickelt für die zusätzlichen Belastungen auf Seiten der Frauen, zu den von staatlicher Seite bereitgestellten Corona-Hilfen beraten oder Kontaktvermittlung, Weiterbildung und Netzwerken online ermöglicht.  
Einmal mehr wurde die Wichtigkeit einer nachhaltigen Herangehensweise – wie sie vielfach bereits heute praktiziert wird - deutlich, damit das Geschäftsmodell im Krisenfall überlebensfähig bleibt. Auch auf die Stärkung resilienter Strukturen für Gründungsvorhaben wird angesichts der zunehmend unsicherer werdenden weltweiten Rahmenbedingungen bei Beratungen explizit eingegangen.

perspektiven-schaffen.de: Vielen Dank!

Das Leitungsteam der bundesweiten gründerinnenagentur:

Dr. Katja von der Bey, bga-Regionalverantwortliche Berlin, WeiberWirtschaft eG

Cornelia Klaus, bga-Regionalverantwortliche Niedersachsen, GründerinnenConsult, Hannoverimpuls GmbH

Iris Kronenbitter,  bga-Regionalverantwortliche Baden-Württemberg, Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus

Anette Morhard, bga-Regionalverantwortliche Thüringen, Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft e.V.

Über die bundesweite gründerinnenagentur

Um Unternehmerinnen den Start in die Selbstständigkeit zu erleichtern, hat das Bundesgleichstellungsministerium gemeinsam mit dem Bundesbildungsministerium und dem Bundeswirtschaftsministerium die "bundesweite gründerinnenagentur (bga)" eingerichtet. Sie bündelt Aktivitäten zur unternehmerischen Selbstständigkeit von Frauen in Deutschland und bietet branchenübergreifend Informationen und Dienstleistungen zu Gründung, Festigung, Wachstum, Start-ups und Unternehmensnachfolge an und ist mit Regionalverantwortlichen in allen 16 Bundesländern vertreten. Dort zeigt die bga Gründerinnen und Unternehmerinnen den Weg zu mehr als 500 Beratungseinrichtungen für die Erst- und Orientierungsberatung, zu rund 1300 Fachleuten für eine vertiefte Beratung sowie zu 350 Netzwerken.